poliça

(photo & allrights: POLICA / verstärker)

Nun ist es also soweit.
POLICA

gehen eineinhalb Jahre nach ihrem über alle Maßen hochgelobten Erstlingswerk Give You The Ghost mit
Shulamith
dem hoffnungsvoll und dennoch fragend erwarteten Nachfolgescheibchen erneut an den Start.
Hier folgen sie ihren eigenen Fußstapfen und hinterlassen doch neue verstörende Irritationen.

° ° °

Blut, Blut, Räuber saufen Blut.
Man könnte, wenn man sich das Cover des neuen

POLICA

Albums anschaut denken, die darauf abgebildete Dame kommt soeben aus dem Badezimmer und wartet nun darauf, dass ihre neue Haarfarbe ihr Werk verrichtet.
Aus eigener Erfahrung gesprochen sind solcherlei Deutungen durchaus im Bereich des Möglichen.
(In Deutschland wird das Album nach vorliegenden Informationen nur in einer verpixelten Version zu haben sein. Die Frage drängt sich auf, ob ein heranwachsender Käufer (was müsste denn nur bei Ballerspielen beispielsweise alles verpixelt werden?) durch derartig harmlose Bildchen tatsächlich geschockt werden kann))

Schaut man sich dann aber das Video zu Tiff, welches der Albumveröffentlichung voranging, an wird die Idee mit der Haarfarbe schnell wieder begraben.

Das Video durchschreitet einige der Abgründe der Menschlichkeit, portraitiert eine Demütigung und Folterung, zeichnet Qual und möchte, kaum gesehen, im tiefsten Herzegrund schnellstmöglich verdrängt sein. Doch so ist die Welt, so spielt das Leben. Nicht immer geht alles seinen gewohnten Gang, die Blendung durch die Medienwelt, bunte Reklame und überall zu findende Versprechungen auf Glückseligkeit, einen hochgebildeten und attraktiven (Sex-)Partner, das schnelle Geld und Teilhabe an der glitzernden Welt und Ruhm der Sternchen wird eben nicht für jeden Tellerwäscher erreichbar und Träume sind eher Schäume, als dass sie sich in die tägliche, oft eintönige Realität übertragen ließen.

Shulamith
ist ein seltsamer Titel.
Shulamith Firestone ist der Name einer im letzten Jahr verstorbenen kanadischen Radikalfeministin und Frauenrechtlerin.
Ihr Werk „The Dialectic Of Sex“, welches Sängerin und Frontfrau Channy Leaneagh von ihrem Bruder empfohlen wurde,
spiegelt, wie die Sängerin in Interviews zum Besten gab, nahezu exakt das wider, was

POLICA

versuchen in ihren neuen Songs auszudrücken.
Es sind ja vorwiegend Frauen, die nicht selten einem unfreundlichen, bisweilen brutalen Lebensumfeld ausgesetzt sind;
viel häufiger ist die Rede von Gewalt an Frauen als von betroffenen Männern.

Diese Thematik ist es, die die Band umtreibt und die daher auch in ihren Lyrics bearbeitet werden.
Außerdem geht es natürlich noch weitere existentielle Dinge die das Leben ausmachen, wie Liebe und Selbstliebe, Schmerz und die Fähigkeit, diesen auszuhalten, das Existieren eines Individuums in Zeiten voller Neid, Mißgunst und zunehmender Vereinsamung.

POLICAs

Songs sind sehr persönlich.

In ihnen geht es um Protest gegen die in vielen Bereichen vorherrschende Männergesellschaft, gegen das, was das Musikbusiness mit Musikerinnen macht und wie man sich der erwarteten Pose als weiblicher Rockstar und dem auferlegten Image eventuell entziehen kann.

Auch auf ihrem aktuellen Album klingt die Stimme von Channy Leaneagh verzerrt und voller Hall, wird gedoppelt und durch Effekte verändert,
ist mehr als Gesang ein Stilmittel der ungreifbaren Musik der Band um Channy, Ryon Olson, Drew Christopherson, Ben Ivascu und Chris Bierden aus Minneapolis.

Die Klänge, deren marginales Merkmal oft donnerndes Bassspiel, ein Schlagzeug zum Erbeben und die mal gleitenden mal nach vorne preschenden Synthies sind,
lassen den HörerInnen oft keine Wahl sondern erzwingen Aufmerksamkeit.
Vegas beginnt mit einer einfachen Rhythmik und steigert sich fast infernalisch im Refrain. Smug ist ein dahingleitendes Soundgebilde, stets unheilvoll drohend und schmeichelnd.
Very Cruel schleicht heran, pumpende Elektrobässe, ein heranschleichendes Schlagzeug, gefährlich brandende Synthies. Geht ins Blut.

Shulamith
ist dunkler, wirkt trotz kühler Ausstrahlung in vielen Momenten eingängigerund als Give Me The Ghost, verstörender.

POLICA

bleibt stilistisch nicht einzuordnen und undefinierbar.
Immer befremdlich und aufwühlend, keine Musik für Nebenbei. Hier wird jede Faser des Körpers angesprochen.

Gab es beim Debüt noch sporadische Vergleiche mit Portishead, ist die Band durch die Eigenständigkeit ihrer Musik zunehmend schwerer in eine bestimmte Kategorie einzuordnen.
So bleibt ein um sich greifendes Werk, dessen Wirkung momentan noch nicht endgültig beschrieben werden kann.

pol

Chain My Name
Smug
Vegas
Warrior Lord
Very Cruel
Torre
Trippin
Tiff
Spilling Lines
Matty
I Need $
So Leave

° ° °

thisispolica

95/100

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.