Zum Glück, vielleicht: JOHNSON MCCLOUD – Require, Secret

(photo & allrights: JOHNSON MCCLOUD / bandcamp)

° ° °

Ich muss es ja zugeben, bis vor ein paar Wochen hatte ich noch nie von

JOHNSON MCCLOUD

gehört und es begab sich auch eher zufällig, dass ich über die neue Platte dieses Ruhrpottkünstlers stolperte.
Wie es der Zufall will, stellte sich dies bald als einer jener Glückstreffer heraus, die einen eine ganze Weile fesseln können. Denn hier bekommen wir jede Menge Herzblut verpackt in rockig-feine Indiemomente der Sehnsucht und der Intimität.

Schon der Opener Hagen hat es atmosphärisch in sich, ein verhalten schleichendes Hymnal an seine Heimatstadt, die außer Wald, Wiesen, alten Bergbauüberbleibseln nun auch noch diesen erfrischenden Musiker zu bieten hat.
Ein Lied über die Ohnmacht, die in bestimmten Dingen vorherrscht, die fehlenden Inspirationen, die Antriebslosigkeit inmitten dieser Stadt, die leer scheint, perspektivlos, kaputt, wenn die Eigeninitiative die einzige Hoffnung zu sein scheint.

Walking On Ice kommt rockig, mit schwebendem Synthieteppich und treibender Gitarre, unterkühlt, dankbar im Detail und unglaublich schwungvoll. Würde man die Herkunft des Künstlers nicht kennen, man würde sicher keine deutsche Herkunft vermuten, so offen, wuchtig und präzise ins rauchige Indie-Herz treffend ist dieser Song, in dem er von der Überheblichkeit des Einzelnen singt, einer Generation mit unklaren Zukunftsplänen und der Erkenntnis, ganz einfach nur ein Mensch zu sein.

My Own Will verschleppt den Rhythmus, stolpert heran, bahnt sich zwischen einer sich wiederholenden Melodiebahn den Weg. Der Gesang bleibt kühl und doch herzig und tönt von Tragödie und den Möglichkeiten des Entkommens daraus.

Wagons & Trains bleibt im eher gemächlichen Tempo, der Gesang eindringlich, mit viel Hall unterlegt wie über eine glatte, rutschig scheinenden Fläche hinweggleitend, im Gegensatz stehend zu der weichen, geprickten Akustikgitarre wird eine Stimmung gezaubert, die auf einen großen Ausbruch hinzuarbeiten scheint, der aber hier ausbleibt. Wie ein Roman mit offenem Ende, hier treibt alles, schwimmt, läuft einem Wassertierchen gleich über die Oberfläche, endet..

Waterfall Rising entpuppt sich als hintergründiges Monster, ein Liebeslied im Gewand eines Schlafwandlers, ein persönlicher Song über das Gefühl des Verlassenwerdens, wenn der geliebte Mensch plötzlich nicht mehr an der Seite steht und ein Fall unausweichlich scheint.

Kimono kommt als vermischtes Gebräu von hymnisch anmutendem Gesang und 80ger Jahre Wavesound, irgendwo angesiedelt zwischen The Europeans und Comsat Angels, einer der Höhepunkte in seinem flehenden, drängenden Sound, der dann aber recht abrupt endet. Man soll bekanntlich aufhören wenn es am schönsten ist.

The Veil schleicht wie eine Ballade, der Hörer fühlt sich gefangen, nähert sich der lauernden Falle, ohne aber letzten Endes hineinzutappen, Black Tunnel nimmt in beklemmender Umgebung und sich langsam steigernd Fahrt auf, stell Dir eine Rolltreppe vor, die steil abwärts, Du allein dort, sie scheint kein Ende zu haben, beschleunigt unerwartet, ein sich Festkrallen, eine Frage, wie kommt man hier am sichersten wieder heraus? Ein Verstecken vor den eigenen Wünschen, ein flimmernder Bildschirm, ungeahnte Tiefen, spartanisch, einsam.
Rauschen, man versinkt.

Auditive Sex dreht sich wie eine Schraube immer tiefer in den Untergrund, jegliche Schönheit außen vor lassend, ein nicht zu stoppender Prozess.
Ein düsterer verzerrt überlagerter Sprechgesang tut sein Übriges zur unheilvoll anmutenden Stimmung.

Versöhnung schließlich zum Abschluß: Babybird-ähnlich, verzaubert, verzückt, entrückt, allein mit sich selbst ohne Gesprächspartner, ein Bedauern, die Feststellung, dass man Gesagtes und Geschehenes nicht rückgängig machen kann, wohl aber dem Wunsch nachhängen darf, noch einen erneuten Versuch zu haben, ein Sterben.. unter dem Baum.

Require, Secret
ist eine klanglich inspirierende Reise durch eine vielschichtige Musikerseele. Und ohne die Texte auseinanderzunehmen und zu interpretieren scheint dieses Album wie ein Wettlauf mit sich selbst, ein Kampf, die Gedanken uneinholbar, der Traum im gleißend scheinenden Sonnenlicht..

Die Frage nach dem Sinn, eine Suche nach einem Zugang:
Vielleicht zur eigenen Persönlichkeit, vielleicht zum Glück.

° ° °

81/100

JOHNSON MCCLOUDRequire, Secret
21.1.2018


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