Entkommen unbestimmt: YO LA TENGO – There’s A Riot Going On

(photo & allrights: YO LA TENGO / godlis / hp)

° ° °

Eigentlich, eigentlich ist ja bereits mehrfach und seit langem alles gesagt zu

YO LA TENGO

und ihrer Arbeit über mehr als drei Jahrzehnte hinweg, über ihre Wirkung auf junge Bands, über ihre Songs, ihre Herkunft, ihre Beziehungen.

Nun liegt hier ein neues Album vor.
Eines, auf dem vieles unklar bleibt, schemenhaft, nebulös und seltsam unangetastet, ja, unausgesprochen .

There’s A Riot Going On

ist das fünfzehnte Album der Band, gerade letzten Freitag erschienen bei Matador.

Der hier im Titel angekündigte Aufstand bleibt im klassischen Sinne aus, nun, man könnte meinen,
vermeintliche Nebelkrieger hätten ihre Drumsticks geschnürt und kleine elektronische Spielzeugen auf Dauerrotation programmiert.
Ständig bleept es, blongt hintergründig, gleitet sphärisch herum – und mitunter auch von uns davon, abperlend wie Regentropfen auf großen rotschaligen Äpfeln.

Klar, selbstverständlich ist das angerichtete Süppchen von Ira Kaplan, Georgia Hubley und James McNew alles andere als unbekömmlich.
Wenngleich dies vermutlich mit das ruhigste, ausgeglichendste und schleichendste Album der Hoboken-Schützlinge ist.
Niemand spricht von Beliebigkeit, dieses Wort in Zusammenhang mit den Kreuzrittern des Lo-Fi-Individualismus/Landrocks gehört sich einfach nicht.

Ergreifend sollte sie sein, ihre Musik.
Und ja, die Finger werden in unsere Richtung ausgestreckt, können aber nur kurz zupacken und ihre Beute nicht halten. Wir entkommen.

So sprinkeln hier die Songs tröpfchenweise auf uns nieder, man ist versucht, genauer hinzuhören, ja nur nichts zu verpassen.
Denn dort könnte ungewöhnliches, geistreiches Liedgut wie von der Band in ihrer vieljährigen Geschichte häufig abgeliefert auf uns lauern.

Stattdessen ist es, als würde man statt einer Fußgänger-Safari mit Übernachtung im Urwald unter Blätterplanen in den Zoo gehen um wilde Tiere zu entdecken und erleben.
Dabei ist dort das Giraffengehege geschlossen, die Bären noch im Winterschlaf und die Pinguine werden erst um 14 Uhr 30 wieder gefüttert und zu sehen sein. Hm.

Wir bekommen huschige, fuzzelige Indiepopklänge wie in For You Too, dazu zwischengestreut intrumentale Entkommnisse im Trip-Ambient-Psycho-Liedgutuniversum,
sich um sich selbst drehend, herumsulend,
Passagen die vermeintlich Verbundenheit darstellen sollen.

Dennoch:
Es verbleibt ein Gefühl von Unbestimmtheit, von Nachdenklichkeit. Als hätten sie sich diesmal nicht getraut, zuzupacken.

Die schönsten ihrer Songs waren von Gleichmut geprägt, von kleinem Aufwand mit großer Wirkung.

Hier sind Songs mit irreführend beruhigender Ausstrahlung versammelt, deren Hinterlassenschaft uns eher seltsam beunruhigt,
die uns in Hoffnung erwartungsvoll Richtung Album Nummer 16 schielen lassen.

° ° °

80/100

YO LA TENGOThere’s A Riot Going On
Matador Records, 16.3.2018


You Are Here
Shades Of Blue
She May, She Might
For You Too
Ashes
Polynesia #1
Dream Dream Away
Shortwave
Above The Sound
Let’s Do It Wrong
What Chance Have I Got
Esportes Casual
Forever
Out Of The Pool
Here You Are

 

live:

7.5. Berlin – Heimathafen Neukölln
8.5. Köln – Gloria
9.5. München – Kammerspiele

2 Comments

  1. Lieber Jens, treffende Vergleiche, so kann man’s auch sehen.
    Tendenziell sind wir beieinander, wenn Du auch eine Spur glücklicher mit dem Album wirkst als ich. Wie Du so schön sagst: Hoffen wir auf Nummer 16.
    Liebe Grüße,
    Gerhard

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