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(photo & allrights: CYANIDE THORNTON)

° ° °

Eine Wucht. Eine Wand.
Ein Weckruf. Ein Schrei. In der Stille.

Gedanken fliessen, gegen den Strom.
Es kostet Kraft sich zu wehren, aber es lohnt sich.
Inmitten der Einsamkeit ein Aufschrei der Ungehorsamkeit.

Es beginnt mit verschleppter Gitarre, vorsichtig zupft sich ein Bass in die Gegenwart. Leise klopft das Schlagzeug seinen Takt.
Es steigert sich langsam, die Zeit die wir fühlen, ist die Zeit unseres Lebens. Jetzt.
Siena Thornton greift ein. Reisst die Aufmerksamkeit an sich um uns in den kommenden vierzig Minuten und unbestimmte Zeit darüber hinaus nicht mehr los zu lassen.

Es ist eine schwere, eine fast zarte, sanfte Art der Umklammerung, wie eine Fessel, die sich immer und immer enger um Deinen Hals schliesst. Es ist eine beklemmende Atmosphäre der Befreiung, ein stetig spürbarer Widerstand, gegen den angesungen, angespielt wird, der unüberwindbar scheint und der doch lebensnotwendig ist.
Eine Umarmung von einem Freund. Einer, den wir schon seit Ewigkeiten kennen. Einer, auf den man sich in schwierigen Situationen blind verlassen kann. Einer, der springt wenn wir sagen, spring. Wenn wir rufen los ist er schon im Anlauf. Rückhaltlos, bedingungslos scheint das Vertrauen.
Ein Seelenfreund, der für die Umarmung in dunkler Stunde ebenso zur Verfügung steht für den leisen Sex am Flussufer. Wenn Euch danach ist. Ohne Fragen, einfach so.

Eine Stille, in der nur die Gemeinschaft zählt, das Zusammensein, das Gefühl einer immerwährenden Zusammenhalts. Der Sommer ist so lang, der Sommer ist so lang.
Und dann kommt der Wind, und mit ihm erst Regen, dann Schnee.
Es ist ein Sog, der immerwährt.
Ihr werdet einander finden, wodurch ihr auch getrennt seid.

Rotten Tooth ist einer der vielen Höhepunkte dieses Albums, in dem all die Leidenschaft, das Gefühl und die Liebe zu ihrer Musik der drei Naarm/Melbourner Musiker (Sienna Thornton, Ellah Blake und David Pesavento) kumuliert und sich dankenswerterweise zwischen laut und leise nicht zu entscheiden weiß.
Wie viel Leidenschaft muss in einem Song, in einer Stimme, muss in einem Musiker schlummern, um solch Kraft und Intensität im hier präsentierten Rahmen zu vereinen?

Es fühlt sich an, als kommunizieren auf diesem Album alle Komponenten auf zauberhaft verwunschene Art miteinander, seien es die spröden Drums, die mit den weinenden Gitarren sprechen, sei es die Stimme von Sienna Thornton, die mal herausgeseufzt wird, dann wieder nach all der Aufmerksamkeit lechzt, sich dann im nächsten Moment schon gefühlvoll ausbalanciert zwischen psychedelischen schlängelnden Solis einschleicht und wuchtig um sich haut. So bilden die getragenen, sehnsuchtsvollen Streicher im passend betitelten Violin Song eine unsagbar träumerische Grundlage für ein Adventure der besonderen Art. Im Zusammenspiel mit ihrem Gesang ist dies ein Dokument einer  dunklen Macht, wie eine Ansprache der leidenden, am Ende eines jeden Tages zu Grabe getragenen Sonne, die verzweifelt versucht, noch ein paar wenige Strahlen in Form von Hoffnung und dem Glauben an das ewig Gute im Menschen zu uns zu schicken und um dann am nächsten Tage wieder lebensfroh schon vor uns erwacht zu sein.

Dies ist der erst der Beginn.

° ° °
98/100

CYANIDE THORNTON Cyanide Thornton
Bedroom Suck Records, 9.11.2018

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Weight
I Can’t Hear It
Violin Song
Hot Air
RottenTeeth
Pilot Light
Heavy And Wide

° ° °

https://www.youtube-nocookie.com/embed/l_-g2QHClN4

 

// in english:

The secret strength of tranquillity

A hell of a thing. A wall.
A wake-up call. A scream. In silence.

Thoughts flow, against the stream.
It costs strength to defend itself, but it is worth it.
In the midst of loneliness a cry of disobedience.

It starts with the guitar being dragged off, a bass carefully plucks its way into the present. The drums quietly knock its beat.
It slowly increases, the time we feel is the time of our life. Now.
Sienna Thornton intervenes. Drawing attention to yourself to not let go of us in the next forty minutes and indefinite time beyond.

It is a heavy, an almost tender, gentle kind of embrace, like a bondage that closes ever tighter around your neck. It is an oppressive atmosphere of liberation, an ever-present resistance against which we sing and play, which seems insurmountable and yet absolutely essential.
A hug from a friend. The one we have known for ages. One you can rely on blindly in any kind of difficult situations. The one who jumps when we say „jump„.
When we call off (s)he is already in the run-up.
The trust seems unreserved, unconditional.
A soul mate who is also available for the hug in dark hours for the quiet sex on the riverbank. If you are up for that. No questions asked, just like that.

A silence in which only the community counts, the togetherness, the feeling of a perpetual cohesion. Summer is so long, the summer is so long.
And then the wind comes, and with it first rain, autumly storm, then snow.
It feels like a constant struction that lasts forever.
You will find each other, whatever divides you.

Rotten Tooth is one of the many magic highlights of this album, in which all the passion, feeling and love for the music of the three Naarm/Melbourne musicians (Sienna Thornton, Ellah Blake and David Pesavento) accumulate and thankfully
cannot decide between loud and quiet.
How much passion must slumber in a song, in a voice, in a musician, in order to unite such power and intensity in the framework presented here?

It feels as if on this album all components communicate with each other in a magically enchanted way, be there the brittle drums that speak with the crying guitars, be it the voice of Sienna Thornton, who is sighing out, then longing for all the attention again, then in the next moment already feelingly balanced creeps in between psychedelic meandering solos and hits the ground. Thus the worn, longing strings in the suitably titled Violin Song form an unspeakably dreamy basis for an adventure of a special kind. In the interplay with her singing this is a document of a dark power, like a speech of the suffering sun buried at the end of every day, which desperately tries to send a few more rays in the form of hope and belief in the eternal good in man to us and then the next day to have already awakened from us full of joie de vivre.

This is only the beginning.

 

6 Kommentare zu „Die geheime Kraft der Stille: CYANIDE THORNTON – Cyanide Thornton [review]

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