Lächeln im Schmerz: THE TWILIGHT SAD – It Won/T Be Like This All The Time (review)

twiba

Nichts.
Überall nur Landschaft, wie in den großformatigen Traumkalendern, die sie sich Jahr für Jahr zu Weihnachten schenken ließen, die sie dann an die ewig gleichen Nägel am immer gleichen Platz über dem Bett hängten.
Kalt war es, bitterkalt.
Wilde, rauhe Landschaft, mal mit Kirche, mal mit Schafen, mal mit alten Whisky-Distillerien, mal mit mürrisch dreinschauenden Bewohnern.

Küstenabschnitte wie in einem zweiten Paradies, Klippen.
Bilder einer Stadt, in der Dunkelheit. Hafenpinte, Folkloredarbietungen und Lokalrunden.

Sie marschierten seit Stunden durch den immer kräftiger fallenden Schnee, Stunden, die sich anfühlten wie Tage. Sie ließ sich ihre innere Unruhe nicht anmerken, ihre langsam einsetzende Gereiztheit nicht nach Außen dringen. Der Knöchel ihres linken Fußes schmerzte seit einiger Zeit, ein Schmerz durchzog ihren Körper von unten her, unangenehm, aber nicht schlimm, sagte sie sich.
Ihre fellbesetzte Jacke hielt zwar den Großteil des ständig  fallenden Schnees ab, ihre Jeans aber war feucht, um nicht zu sagen nass.
Sie würden erwartet, hieß es, aber die Dunkelheit setzte ein und die Orientierung im unbekannten Terrain wurde zunehmend schwieriger.
Sicher wäre ein Bad eingelassen und ein lauwarmer Whisky würde zum Aufwärmen auf sie warten.

Etwas huschte ihr vor der ins Gesicht gezogenen Kapuze durch ihr Sichtfeld.
Sie fragte sich nicht, was das war, sie wollte nur noch ankommen.

Gegen all dieses half ihr die Musik, die sie mittels Ohrstöpseln seit Stunden in Dauerrotation laufen ließ.

THE TWILIGHT SAD
.

Die Platte von 2019, die sie sich bei ihrem Dealer um die Ecke gekauft hatte. In dieser Stadt, die ihre Heimat war.
Er sagte nicht viel als er ihr das Album über den Tresen reichte, machte nur den Daumen nach oben und lächelte hintergründig.
Ein leichter Kopfschmerz durchzuckte ihren Schädel.
Sie erinnerte sich. Bei jedem Ton hatte sie das Gefühl, nach Hause zu kommen, verstanden zu werden.
Eine Unruhe machte sich in ihr breit, aber auch eine Vorfreude, das Gefühl des Geborgenseins inmitten von Schmerz und Aufruhr, von Verlangen, von Trauer über die von uns Gegangenen, von Trauma.

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In der Ferne sah sie in der langsam einsetzenden Dämmerung ein Licht. Ein Haus.
Sie zog sich einen Stöpsel aus dem Ohr, rief nach vorne:
„Ist es das? Sind wir da?“
„Ja.. ja, das ist es.“

Als sie nur Minuten später eintraten, umhüllte sie eine Herzlichkeit, eine Wärme, eine überaus wohlige Stimmung – obwohl sie ihre Gastgeber vorher noch nie gesehen hatten, fühlte sie sich, als würde sie nach Hause kommen.

Sie tranken ihren Whisky und dann führte er sie ins Bad.
Aus dem kleinen Lautsprechen, irgendwo hinter dem Regal mit den Handtüchern versteckt, klangen die ersten Töne von Auge/Machine.  Erschöpft liess sie sich in die Wanne sinken.

Jeder Song offenbart eine Kleinigkeit ihrer Seele. Jeder Ton auf
It Won/T Be Like This All The Time
trifft.

Wo früher eine gewisse Naivität und Unerfahrenheit durch ihre Lieder zog, ist nun ein Selbstbewußtsein zu spüren, eine Dringlichkeit, eine Nähe.
Der Mut zur Offenbarung. Das Herz in jeder Note.
Eine Dichte, die sich in ihren Lyrics wiederspiegelt.

Sie verbreiten ihr Licht, auch wenn es flackert wie eine Kerze im Wind.
Der Sturm bläst, drückt, doch das Licht bleibt.

Man möchte sie in den Arm nehmen, wenn James Graham in seinem unnachahmlichen Slang die Lyrics auf uns einprasseln lässt.

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Die Gitarren rennen, meist dicht und energisch, beweisen aber die ruhigen Momente wie beispielsweise im mystisch-schönen The Arbor, dass es auch anders geht.
Die Drums treiben, der Bass klopft. Keyboards und Synthies verschleiern, ziehen alles in die Länge, die Lyrics werden gebrochen, neu eingeworfen.

Sie lassen auf ihrer neuen Platte uns ganz nah an sich heran.
Und geben uns eine Energie, die seit No One Can Ever Know ein wenig in den Hintergrund gerückt schien.

Eine Familie, in der auch über persönliche Dinge geredet wird, in der Jeder zu seinen Ängsten stehen darf und die Tränen mit einem Lächeln fortgewischt werden.

Ein Album wie ein Geheimnis.
Wir flüstern uns zu.

° ° °

100/100

THE TWILIGHT SADIt Won/T Be Like That All The Time
Rock Action Records, 18.1.2019

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[10 Good Reasons For Modern Drugs]
Shooting Dennis Hopper Shooting
The Arbor
VTr
Sunday Day13
I/m Not Here (Missing Face)
Auge/Maschine
Keep It All To Myself
Girl Chewing Gum
Let/s Get Lost
Videograms

° ° °

in english:

Laughing in sorrow

Nothing. Nothing.
Everywhere only landscape, as in the large-format dream calendars that they had given themselves year after year for Christmas, which they then hung on the eternally same nails at the same place above the bed.
It was cold, bitterly cold.
Wild, rough landscape, sometimes with a church, sometimes with sheep, sometimes with old whisky distilleries, sometimes with grumpy looking inhabitants.

Coastal sections like in a second paradise, cliffs.
Pictures of a city, in the darkness. Harbour punch, folklore performances and men having drinks in their bar next door.

They have been marching for hours through the snow falling ever more strongly, hours that felt like days. She didn’t let her inner restlessness be noticed, her slowly onset of irritation didn’t penetrate to the outside. The ankle of her left foot had been hurting for some time, a pain was running through her body from below, unpleasant, but not bad, she said to herself.
Her fur-trimmed jacket kept most of the snow off, but her jeans were moisty, not to say wet.
They were expected, it was said, but darkness set in and orientation in unknown terrain became increasingly difficult.
Surely a bath would be let in and a lukewarm whisky would wait for them to warm up.

Something scurried through her view in front of the hood pulled in her face.
She didn’t wonder what it was, she just wanted to get there.

Against all this she was helped by the music, which she had been running in continuous rotation for hours by means of earplugs.

THE TWILIGHT SAD.

The record from 2019, which she had bought from her dealer around the corner.
In this city that was her home.
He didn’t say much when he handed her the album over the counter, just put his thumb up and smiled backstage.
A slight headache struck her skull.
She remembered. With every note she had the feeling of coming home, of being understood.
A restlessness spread within her, but also a anticipation, the feeling of security in the midst of pain and turmoil, of desire, of mourning for those who had passed away, of trauma.

In the distance she saw a light in the slowly beginning twilight. A house.
She pulled a plug out of her ear, shouted forward:
„Is that it? Are we there?
„Yes… yes, that’s it.“

When they entered only minutes later, she was enveloped in a cordiality, a warmth, a very pleasant mood – although they had never seen their hosts before, she felt as if she was coming home.

They drank their whisky and then he led her into the bathroom.
The first notes of Auge/Machine sounded from the small speaker, hidden somewhere behind the shelf with the towels. Exhausted, she let herself sink into the tub.

Every song reveals a little something about their soul. Every note hits on
It Won/T Be Like ThisAll The Time.

Where a certain naivety and inexperience used to permeate their songs in former times, there is now more a sense of self-confidence, an urgency, a closeness.
The courage to revelation. The heart in every note.
A density that is reflected in their lyrics.

They spread their light, even if it flickers like a candle in the wind.
The storm blows, pushes, but the light remains.

You want to take them in your arms when James Graham, in his inimitable slang, lets the lyrics pelt into our arms.

The guitars run, mostly dense and energetic, but the quiet moments like for example in the mystically beautiful The Arbor prove that there is another way.
The drums are driving, the bass is knocking. Keyboards and synths disguise, lengthen everything, the lyrics are broken, thrown in anew.

On their new record they let us get very close to them.
And they give us an energy that seemed to have moved a little into the background since No One Can Ever Know.

A family where people talk about personal things, where everyone can stand by their fears and tears are wiped away with a smile.

An album like a secret.
We whisper to each other.

 

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