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Es scheint nicht leicht, für ein Mitglied einer ehemals bahnbrechenden und noch immer bedeutsamen Band, Jahre nach dem Erfolg als Gemeinschaft, ein Solo-Album aufzunehmen.
Noch dazu, wenn man in eben jener Band nicht als Sänger und Frontman agierte, sondern, wie im Fall Paul Webb, als Bassist, einer von jeher etwas aus den Augen der Öffentlichkeit entfernten Bandposition, tätig war.

Noch schwieriger hingegen scheint es, nach mehr als 20 Jahren nach dem letzten Lebenszeichen der Band die Rezension zum gerade erschienenen Solowerk des oben erwähnten Bassisten zu schreiben, ohne den Namen der Band zu nennen.

Man kann es versuchen.

Ok. Mark Hollis war eine der prägnantesten Stimmen der 80ger Jahre.
Er hat die Position am Mikrofon wegen seiner unverkennbaren Stimme für sich reserviert, ja quasi auf Lebenszeit gepachtet.

Und dann tat sich Paul Webb mit einer weiteren äußerst intensiven Stimme zusammen. Gemeinsam veröffentlichten Beth Gibbons und er das erste Album von

RUSTIN MAN.

Nun, ohne die voluminöse Sangeskraft an seiner Seite, nach 16 Jahren Entstehungsgeschichte: das neue Werk. Wenn man so möchte, sein erstes Soloalbum.

Und, es ist ein gutes, ein intimes, persönliches Album geworden.
Ein umwerfend schönes noch dazu.
Eines, das in seinem eigenen Universum zu schweben scheint, das zeitlos wirkt.
Eines, das auch vor 16 Jahren hätte aufgenommen werden können.

Den Großteil der genutzten Instrumente hat Webb selbst eingespielt, Stück für Stück.
Das Schlagzeug wurde von Lee Harris (seines Zeichens ebenfalls in jener ungenannten Band der Vergangenheit tätig) beigesteuert, ein meist hintergründiges Begleitmysterium, stets präsent und stets im Sinne von Unterstützung zur Entstehung des Ganzen eingespielt.

Und hier nun steht seine murmelnde, brodelnde, vielfach eher nasal denn brüchige Stimme im Mittelpunkt und sie zieht ihre ganz eigenen Bahnen.
Erinnert mich des öfteren an Kevin Weatherill von den Immaculate Fools, der in seinen Kompositionen ähnlich kränkelnd und am Rande einer latenten aber beständigen Qual entlangschrabte.

Die Songs tragen einen Schleier, einen Schleier der Vergangenheit mit sich herum, sie wirken mit Verzögerung, lassen aber ihre Finger nicht von unseren Ohren.
Ähnlich wie bei der Betrachtung eines alten Ölgemäldes, es beschleicht einen das Gefühl, von irgendwoher beobachtet zu werden, je mehr man in die Atmosphäre eintaucht, desto unwirklicher der Schein, man versetzt sich in die Vergangenheit, die Zeit der Entstehung, versucht, des Künstlers Gedanken zu erraten.

Mit seinen akribisch durchinszenierten Songs verrät uns

RUSTIN MAN

eine Menge von sich selbst, trägt uns förmlich auf Händen durch seine Welt und scheint dabei so unaufgeregt und doch in einer Intensität,
dass man noch tagelang seine vermeintliche Berührung zu verspüren vermag.

° ° °

91/100

RUSTIN MANDrift Code
Domino / Good To Go, 1.2.2019

rustinmanco

Vanishing Heart
Judgement Train
Brings Me Joy
Our Tomorrows
Euphonium Dream
The World’s In Town
Light The Light
Martian Garden
All Summer

° ° °

// in english:

Freedom and fragility

It doesn’t seem easy for a member of a formerly groundbreaking and still significant band to record a solo album years after their success as a community.
Especially if you didn’t act as singer and frontman in that band, but as in the case of Paul Webb, as bass player, a band position that had always been a little out of sight of the public.

It seems even more difficult, however, after more than 20 years after the band’s last sign of life, to write a review of the recently released solo work of the above-mentioned bass player without mentioning the band’s name.

You can try it.

Ok. Mark Hollis was one of the most concise voices of the 80s.
He reserved the position on the microphone for himself because of his unmistakable voice, even leased it for life.

And then Paul Webb joined forces with another extremely intense voice.
Together Beth Gibbons and he released the first album by

RUSTIN MAN.

Now, without the voluminous singing power at his side, after 16 years of history: the new work. If you like, his first solo album.

And, it has become a good, an intimate, personal album.
A stunningly beautiful one at that.
One that seems to float in its own universe, that seems timeless.
One that could have been recorded 16 years ago.

Most of the instruments used were recorded by Webb himself, piece by piece.
The drums were contributed by Lee Harris (who is also active in that unnamed band of the past), a mostly enigmatic accompanying mystery, always present and always recorded in the sense of support for the emergence of the whole.

And here his murmuring, bubbling, often more nasal than brittle voice is in the centre of attention and it is pulling its very own paths.
It often reminds me of Kevin Weatherill of the Immaculate Fools, who in his compositions was similarly ailing and scraping along on the edge of a latent but constant agony.

The songs carry a veil, a veil of the past with them, they work with delay, but don’t let their fingers get away from our ears.
Similar to looking at an old oil painting, the feeling of being observed from somewhere creeps up on you, the more you dive into the atmosphere, the more unreal the appearance, you put yourself in the past, the time of emergence, trying to guess the artist’s thoughts.

With his meticulously staged songs he reveals us

RUSTIN MAN

a lot of himself, carries us on hands through his world and seems so unagitated and yet in an intensity,
that you can still feel your supposed touch for days.

 

 

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