Nun, immerhin war ihr letztes Album Capacity das erste, dem ich damals die volle Punktzahl von 100/100 verlieh.

Da kann man sich ja schon denken, es würde so weitergehen.
Nun, ganz so ist es nicht.

Nicht allein durch die vollkommene Ignoranz, die sowohl von der Band als auch der Plattenfirma auf meine Review folgte, war ich damals etwas hin- und hergerissen.
Egal aber, jeder wie er  meint, der Umgang (PR??) mit Fans und uns kleinen Medien jedenfalls ist eher zum Kotzen als zu emotionalen Höhenflügen motivierend.

Egal aber so will ich’s doch nicht haben.
Letzten Endes geht es um die Musik, eben die sollte der entscheidende Faktor sein.
Und da kann
U.F.O.F.
einige Plüsse aufweisen.

Allein Adrianne Lenkers Stimme, die auch hier ein ums andere Mal zu Entzückensausbrüchen (der eher ruhigeren Art) führt. Bricht im einführenden Contact gegen Ende auf einmal ein markerschütternder Schrei die heimelig anmutende Stille, ist dies ein Moment, in dem man unweigerlich aufhorcht und mit größter Aufmerksamkeit hinhört.

Es ist ein anderes Album geworden, anders als man erwarten konnte. Ein ruhiges Werk mit einer Gelassenheit, einer Ruhe und mit einer wie stets murmeld-nuschelnden Sängerin, die, auch wie immer, seltsam unausgeschlafen erzählt und bereit ist, in ihren Songs sich zu offenbaren, von Geheimnissen zu erzählen und die einen selbst zurücklehnen lässt inmitten der bandtypischen Begleitinstrumentation.

Es fehlen die weitgehend die plötzlichen Rhythmuswechsel, das Herausbrechen. Dieses Fehlen wird aber durch die hier an den Tag gelegte professionelle Coolness und das inzwischen im Schlaf klappende Zusammenspiel der jungen Musiker mehr als augeglichen – und als Stilmittel eingesetzt.

In den neuen Songs hört man quasi die trockenen Äste in der Feuersbrunst knacken (Orange). Auch sonst wirkt das Album frei von unnötigem Ballast und gänzlich ungeschminkt. Als hätten die Bandmitglieder losmusiziert, direkt aus dem Bett kommend ins Studio, ohne Umweg über das Badezimmer, den Spiegel und etwaige Styling- und Schminkutensilien. Komm wie Du bist sozusagen. Als wäre man zu den Aufnahmen überrascht eingeladen worden, ohne großartige Vorbereitung, ohne Rücksicht auf fleckige Hosen oder T-Shirts mit Schweißgeruch.
All das in seiner Natürlichkeit hat Einzug gefunden auf
U.F.O.F.

Andererseits könnte man auch sagen: Nur das wurde berücksichtigt, als hätte man in einer Art spontaner Spartanität und Askese auf ein Zuviel verzichtet.
Denn wirklich Vermissen tut man hier nichts.
Sogar ein herzerwärmendes Duett ist mit Terminal Paradise vertreten, das wie ein immer wiederkehrender Moment, das Eilen in den Bahnhof und das Davonfahren des Zugs im nebligen, herbstlichen Ambiente wirkt. Wenn kurz  vor Schluß mit Jenni einmal die Sau in Form entrückter Gitarren rausgelassen wird ist es immer noch eine betäubte Sau.

Insgesamt eine eher herbstlich anmutende Platte, Sonnenstrahlen sucht man hier vergebens.
Düster und verfremdet verlangsamt.
Ein Davonfliessen in Zeitlupe, in Endlosrepeatschleife.

94/100

BIG THIEFU.F.O.F.
4AD/Beggars, 4. Mai 2019

bigthiefco

Contact
U.F.O.F.
Cattails
From
Open Desert
Orange
Century
Strange
Betsy
Terminal Paradise
Jenni
Magic Dealer

° ° °

 

// in english:

Well, at least their last album Capacity was the first one I gave the full score of 100/100.

You can imagine that it would go on like this.
Well, it’s not quite like that.

Not only because of the complete ignorance, which followed my review by both the band and the record company, I was a bit torn back and forth.
But no matter how they think, dealing (PR??) with fans and us small media is more motivating to throw up than to emotional flights of fancy.

But that’s not the way I want it to be.
In the end it’s all about the music, which should be the decisive factor.
And there U.F.O.F. can show some fluxes.

Adrianne Lenker’s voice alone, which leads to outbursts of rapture (of a calmer kind) every now and then. If in the introductory contact towards the end a shattering scream suddenly breaks the homely silence, this is a moment in which one inevitably listens attentively.

It has become another album, different than you might have expected. A quiet work with a serenity, a calmness and as always a mumbling and mumbling singer, who, as always, tells strangely sleepless stories and is ready to reveal herself in her songs, to tell of secrets and to let you lean back in the midst of the band’s typical accompanying instrumentation.

The sudden rhythm changes, the breaking out are missing to a large extent. However, this absence is more than balanced by the professional coolness shown here and the meanwhile sleeping interplay of the young musicians – and used as a stylistic device.

In the new songs you can almost hear the dry branches cracking in the conflagration (Orange). Also otherwise the album seems free of unnecessary ballast and completely unvarnished. It’s as if the band members had started playing, coming straight out of bed into the studio, without detour via the bathroom, the mirror and any styling and make-up utensils. Come as you are, so to speak. As if one had been invited to the recordings in surprise, without great preparation, without consideration for stained trousers or T-shirts with the smell of sweat.
All this in its naturalness has found its way to
U.F.O.F.

On the other hand one could also say: Only this was considered, as if one had renounced too much in a kind of spontaneous Spartanity and asceticism.
Because you really don’t miss anything here.
Even a heart-warming duet is represented by Terminal Paradise, which looks like a recurring moment, rushing into the station and the train leaving in a foggy, autumnal ambience. When just before the end with Jenni once the sow is let out in form of enraptured guitars it is still a stunned sow.

All in all a rather autumnal looking record, sunbeams are not to be found here.
Dark and alienated, slowed down.
A flow away in slow motion, in an endless repeat loop.

 

3 Kommentare zu „Komm wie Du bist: BIG THIEF – U.F.O.F. (review)

  1. Hallo Gerhard,
    danke für Deinen Kommentar, natürlich hast Du recht. Die meisten Label sind super, kooperativ und machen tolle Arbeit und unterstützen einen, wo es nur geht. Dieser spezielle Fall hat mich dann aber doch ein wenig mehr beschäftigt. Nun ja, manche haben es offenbar ab einem gewissen Bekanntheitsgrad nicht (mehr) nötig.
    Was soll’s.. 😉
    Herzliche Grüße zurück,
    Jens

  2. Hallo Jens – Schöner Satz: „der Umgang (PR??) mit Fans und uns kleinen Medien jedenfalls ist eher zum Kotzen“. Gilt zwar nicht für alle Labels oder Konzert-Agenturen (es gibt sehr rühmliche Gegen-Beispiele), aber die ein oder andere Organisation darf sich den Schuh schon anziehen. Liebe Grüße und einen schönen Abend, Gerhard

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