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(photo & allrights: YOUNG ELK)

° ° °

Manchmal überkommt es mich dann doch.
Nur ein paar Takte reingehört und zack, schon mal das Geldtascherl gezückt und die Musike runtergeladen.

Einfach so.
Ohne vorher jemals bewussst von der Existenz dieser Band Kenntnis genommen zu haben.

YOUNG ELK

sind Ezekiel J Rudick, Tony Reyes, Bruce Reed und Nic Moen aus Portland.

Und sie machen ganz wunderbare, ganz unheimliche Dinge, schaffen in ihren Songs Bilder zu projezieren, Bilder von unangenehmen Geschehnissen, Erlebnissen, Geschichten. Erinnerungen, ins Hirn gebrannt.

Alien Fire, The Thirteen Moons, And Also The Trees, Tindersticks, Thin White Rope – all diesen Bands wohnt in diesen ureigenen Momenten, in ihren manchmal doch so wundersamen kleinen Songs ein Geheimnis inne: Eine Art direkter Verbindung zu meinem Denken, meinen Gefühlen, meinem Kopf, meinem Leben. Jede dieser Bands hat diese Titel in ihrem Repertoire, die so viel bedeuten.

Wie viel Musik einem bedeuten kann, wird einem in solchen Momenten bewusst. Wenn Wunden aufgerissen werden und Salz hinein gestreut wird, ein leichter Schmerz, eine zumeist unbeschreibbare Tiefe und Verbindung.

In Rudicks Stimme wohnt eine flammende Sehnsucht, ein unnachgiebiges Leid, ein Verlangen, in ihren zarten und grazilen, ästhetischen Melodiebögen erinnern sie an Soundgebilde, feingliedrig und wunderschön, unnachgiebig und sich wie ein frisch gestochenes Tattoo auf der Haut brennend.

Im Titelsong bearbeitet Rudick seine traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit, als er sexuell missbraucht wurde, sich aber weder konkret zu artikuliern imstande war, noch eine Ansprechperson finden konnte, der er vertraute, die seinen kindlichen Worten Glauben schenkte. Diese Art Aufarbeitung als Song ist beeindruckend und gleichzeitg beängstigend; die Monster der Erinnerung werden immer in denen brennen, die solche oder ähnliche Erfahrungen machen und Schicksallsschläge überstehen mussten.

In sphärischen Synthieklängen verhüllt, vom unnachgiebigem Bass und druckvollem Schlagzeug immer wieder nach vorne getrieben enthüllen

YOUNG ELK

die ganze Welt der heutzutage als Normalität empfundenen Unehrlichkeit, ihre Abrechnung in Gossip Magazine kommt einer Abrechnung mit dem Leben in der Öffentlichkeit gleich. All die Versprechen und all das Getue um Glauben und religiöse Erlösung ähnelt eher einer globalen Gleichgültigkeit der Realität gegenüber, einem Desinteresse. Die Realität des Alltags, die uns immer wieder vor vollendete Tatsachen stellt.

So wird man durch die Songs vielleicht auch ein wenig wach gerüttelt, für sich, seine Ideen und Träume einzustehen, nicht hereinzufallen auf das Vorgaukeln einer guten Welt und aufmerksam durch den Alltag zu gehen, mutig mit eigener Meinung und bereit, die Interessen der Anderen wahrzunehmen und ebenso zu verteidigen.

Ein hypnotisches Album.
Wie eine Düne aus Treibsand, aus der keinen Ausweg gibt.
Die Klänge der Band umgeben Dich schließlich, umarmen Dich und halten Dich.
Ein Album des Jahres. Mindestens.


° ° °
100/100

YOUNG ELKFalse Paradise
Holiday Breath Records, 14.6.2019

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Scenes From The End
Gossip Magazines
False Paradise
Ghost
Every Little Bet
Hanging Paper
Asleep At The Wheel
Big Bad Wolf
Kitchen Sink
Cops / Robbers

 

° ° °

in english:

Hypnotic, Quicksand

Sometimes it just comes over me.
Just a few moments of listening to it and.. already once the money bag drawn and downloaded the music.

Just like that.
Without ever having consciously taken note of the existence of this band before.

YOUNG ELK

are Ezekiel J Rudick, Tony Reyes, Bruce Reed and Nic Moen from Portland.

And they do very wonderful, very scary things, create images to project in their songs, images of unpleasant events, experiences, stories. Memories, burned into the brain.

Alien Fire, The Thirteen Moons, And Also The Trees, Tindersticks, Thin White Rope, The Antlers – all these bands live in their very own moments, in their sometimes so miraculous little songs a secret: A kind of direct connection to my thinking, my feelings, my head, my life. Each of these bands has these songs in their repertoire that mean so much.

How much music can mean to you becomes clear in such moments. When wounds are torn open and salt is sprinkled into them, a light pain, a mostly indescribable depth and connection.

In Rudick’s voice lives a flaming longing, an unyielding suffering, a desire, in their delicate and graceful, aesthetic melodic arcs they remind me of sound formations, delicate and beautiful, unyielding and burning like a freshly engraved tattoo on the skin.

In the albums title song Rudick deals with the traumatic experiences of his childhood, when he was sexually abused but was unable to articulate himself or find a contact person he trusted who believed his childlike words. This kind of processing as a song is impressive and at the same time frightening; the monsters of memory will always burn in those who have had such or similar experiences and had to endure strokes of fate.

Veiled in spherical synth sounds, driven forward again and again by the unyielding bass and powerful drums, reveal

YOUNG ELK

the whole world of dishonesty, which today is perceived as normal, its accounting in Gossip Magazine is like accounting for life in public. All the promises and all the fuss about faith and religious salvation are more like a global indifference to reality, a disinterest. The reality of everyday life, which repeatedly confronts us with fait accompli.

So perhaps you are shaken a little awake by the songs to stand up for yourself, your ideas and dreams, not to fall for the pretence of a good world and to go through everyday life attentively, courageously with one’s own opinion and ready to perceive and defend the interests of others as well.

A hypnotic album.
Like a dune of quicksand, from which there is no way out.
The sounds of
False Paradise,
the sound of the band finally surround you, embrace you and hold you.
An album of the year. At least.

 

 

2 Kommentare zu „Hypnotisch, Treibsand: YOUNG ELK – False Paradise (review)

  1. Hi Jens. Hör grad den gleichnamigen Titelsong. In der Tat bemerkenswert schön. Werde wohl auch meine Kreditkarte zücken… Danke für diesen tollen Tipp. Grüsse aus dem wunderbar verregneten Zürich.
    Romano

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