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(photo & allrights: VIVIAN GIRLS / Bandcamp)

° ° °
Was nicht häufig passiert ist, dass ich beim Hören eines Albums spontan, also, nach und nach zu Tränen gerührt bin, meinen/unbestimmten Gedanken nachhänge und dann weine.

Memory
heißt das neue Werk der

VIVIAN GIRLS

und noch trocknen die Tränen nicht.

Ich hänge in einer Erinnerungsschleife und sinniere, wie schnell doch die Zeit vergeht, wie sich alles verändert, wie viele meiner geliebten Freunde und Familienmitglieder inzwischen nicht mehr unter uns weilen und es ist einfach traurig.

Dabei kann man die Musik der drei immer noch jung gebliebenen und wunderbaren, sympathischen Damen Cassie Ramone, Katy Goodman und Ali Koehler nicht als wirklich traurig bezeichnen. Emotional, ja, ok, das würde ich so unterschreiben. Aber traurig?

Ihre mehrstimmigen in Gitarrenwällen untergehenden, in den Hintergrund gemischten Gesänge, die sich überlagern, überschlagen, lala-geschwängert und mit Blumen im Haar verziert scheinen – irgendwie versetzt mich das in längst vergangene Zeiten, ich fühle mich an die Bangles erinnert, fragt nicht, warum, ist einfach so.

An die Zeit, in der der Vater einen beim Fahrradfahren-lernen am Sattel festhielt um einem dann unvermittelt einen Schubs nach vorne zu geben, an die am Fenster stehende Mutter, die den gedeckten Tisch lauthals verkündete, an Zeltübernachtungen auf dem Grundstück am Waldrand, an das, was man für die erste Liebe hielt. An die Zeit, in der man sich in pubertären Gesprächen mit Freunden über die aus den kurzen Sportdresses der Mitschülerinnen heraus lugenden Schamhaare (die in Einzelfällen nicht einmal mit der Kopfhaarfarbe übereinstimmten!) ereiferte, an Tagebucheintragungen, Führerscheinprüfungen und die erste Packung Zigaretten, aus dem Automaten gezogen, das Kratzen im Hals und das Ziehen in der Leistengegend.

Nun, nicht alles auf
Memory
ist Nostalgie und die

VIVIAN GIRLS

klingen frisch und so, als läge Share The Joy nicht acht Jahre zurück, als hätte es die Trennung der Bandkolleginnen nie gegeben. Katy Goodman und Ali Koehler zogen beide nach Los Angeles, machten weiter Musik (La Sera für Goodman, Best Coast und Upset für Koehler) und gründeten Familien. Cassie Ramone machte weiter Kunst in Brooklyn, veröffentlichte zwei Soloalben und zwei Full-Lengths mit Kevin Morby als The Babies und zog erst 2018 nach Los Angeles – ein paar Telefonate, ein paar Treffen – und schließlich waren alle bereit, erneut als gemeinsame Band Musik zu machen.

Dazu reichern sie ihren bekannten Sound um eine neue dunklere Variante an, dreschen nicht nur in / auf ihre Instrumente ein und haben noch immer sechs Händchen für die gerade in diesem Moment richtige Melodie.

Sie machen aus ihrem Sound etwas besonderes, verleihen dem Ganzen einen Liebreiz und überrollen uns mit einer Sympathiebombe sondergleichen. Dazu klingen sie eben nicht augewärmt, von gestern und eifern dem Albumtitel zum Trotz nicht der Vergangenheit hinterher sondern schaffen den Transport ihres einmalig besonderen Schraddel-Lo-Fi-Gedüdels aus der Vergangenheit ins Jetzt mit Leichtigkeit. Vielleicht, weil sie etwas zu sagen haben, vielleicht, weil ihnen das Musikmachen einfach Freude bringt und vielleicht, weil sie es einfach immer noch und glücklicherweise nun wieder ausgesprochen gut machen. Sie schaffen Romantik mit Herz ohne Kitsch und wohl durchdacht. Sie schaffen es, Wutausbrüche auszugleichen, allein durch ihre mehrstimmigen hymnischen Gesangsdarbietungen.

Sie haben nichts zu verlieren und gewinnen alles.
Jackpotplatte. Wunderbar und, fragt nicht warum, ich find’s richtig, richtig geil.

° ° °
99/100

VIVIAN GIRLSMemory (Bandcamp-Link)
Polyvinyl, 20.9.2019

vivianco

Most Of All
Your Kind Of Love
Sick
At It Again
Lonely Girl
Something To Do
Sludge
Memory
I’m Far Away
Mistake
All Your Promises
Waiting In The Car

// in english:

Hot tears on the journey into back then

What doesn’t happen very often is that when I listen to an album I am spontaneously, i.e., gradually moved to tears, hang on to my/undefined thoughts and then cry.

Memory
is the new work of the

VIVIAN GIRLS

and tears don’t dry yet.

I hang in a memory loop and ponder how quickly time passes, how everything changes, how many of my beloved friends and family members are no longer with us and it’s just sad.

The music of the three still young and wonderful, sympathetic ladies Cassie Ramone, Katy Goodman and Ali Koehler can’t be described as really sad. Emotionally, yes, ok, I would sign that. But sad?

Their polyphonic songs sinking into guitar walls, mixed into the background, which seem to overlap, overturn, lala-impregnated and decorated with flowers in their hair – somehow this takes me back to times long gone, I feel reminded of the Bangles, don’t ask why, it’s just like that.

To the time when my father would hold me to the saddle while learning to ride a bicycle, then suddenly give me a push forward, to the mother standing at the window, announcing the laid table at the top of her voice, to tent nights at the edge of the forest, to what you thought was your first love. At a time when, in pubescent conversations with friends, we were getting excited about the pubic hair that was shining out of their classmates‘ short sports dresses (which in some cases didn’t even match their head hair colour!), at diary entries, driving tests and the first pack of cigarettes pulled out of the vending machine, the scratching in the throat and the pulling in the groin.

Well, not everything on
Memory
is nostalgia and the

VIVIAN GIRLS

sound fresh and so, as if Share The Joy hadn’t been eight years ago, as if there had never been a separation of the band mates. Katy Goodman and Ali Koehler both moved to Los Angeles, continued making music (La Sera for Goodman, Best Coast and Upset for Koehler) and started families. Cassie Ramone continued to make art in Brooklyn, releasing two solo albums and two full-lengths with Kevin Morby as The Babies and moving to Los Angeles in 2018 – a few phone calls, a few meetings – and finally everyone was ready to make music again as a band.

In addition, they enrich their familiar sound with a new darker variant, not only dreschen in / on their instruments and still have six hands for the right melody at that moment.

They make something special out of their sound, give the whole a charm and roll over us with a sympathy bomb like no other. In addition they don’t sound warmed up, from yesterday and despite the album title they don’t follow the past but transport their uniquely special Schraddel-Lo-Fi-Geduddel from the past into the present with ease. Maybe because they have something to say, maybe because making music simply brings them joy and maybe because they are still doing it very well and fortunately now. They create romance with heart without kitsch and well thought out. They manage to compensate for outbursts of rage with their polyphonic hymn-like singing alone.

They have nothing to lose and win everything.
Jackpot record. Wonderful and, don’t ask why, I think it’s right, really gorgeous.

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