(photo & allrights: WAX CHATTELS / facebook)


° ° °
Ihr kennt doch diese Warnungen, vor Videos oder zu Beginn eines Films zu Stroboskop-Lichteffekten und deren mögliche Auswirkungen auf Epileptiker. Ja?
Nun, wenn es so etwas für Musik gäbe, wäre ein solcher Hinweis vor dem Start dieser Scheibe ratsam. Und unbedingt empfehlenswert. Denn das, was uns hier an Wucht und Kraft und Feuer und Energie erwartet und entgegengeschleudert wird ist unnatürlich.
Es ist der absolute Irrsinn.

Es ist legitim, sagen wir, akzeptabel, noch nie etwas von

WAX CHATTELS

gehört zu haben.

Nach dem Lesen dieser Besprechung allerdings gilt keine Entschuldigung mehr.
Gel(i)ebtes Rauschen.
Diese Kraft. Diese Power.
Das hier holt Dich aus der Ecke, haut Dich von den Beinen, beschleunigt Deinen Herzschlag.

The Fall, Suuns, Sleaford Mods – Elektro-Punk, der Dich wach rüttelt, hektisch, belebend, unangenehm, mit Widerhaken versehen, energetisch, mitreißend, unbelehrbar, groß.

Dieses Album bringt in seinen knapp 38 Minuten alles auf den Punkt, was zu bereden und bemerkenswert ist.

Du sitzt auf Deinem Motorrad, beschleunigst, Gas, Beschleunigung, Du krallst Dich fest.
Die kurvenreiche Strecke geht bergab. Du nimmt das Gas weg, es wird trotzdem schneller.
Ein Gefühl wie vor einem Bungee-Sprung. Vor’m Zahnarztbesuch. Vor dem ersten Kuss. Dem ersten Sex. Whatever.
Wenn die Nadel des Tätoowierers schon rotiert, aber Deine Haut noch nicht berührt.
Wenn die Aufregung unaushaltbar wird.
Das Ziehen sich aus der Bauchregion nach unten fortsetzt.
Ein Kribbeln.

Die drei aus Auckland, Neuseeland unterbreiten uns ein direktes, nur schwerlich zu beschreibliches Abenteuer, das Seinesgleichen sucht. Von seiner Direktheit, seiner aufmüpfigen Aufmerksamkeitsforderung wird man fast überrollt. Es schreit einen an, man fährt zusammen. Es rollt langsam, man entspannt. Gerade bevor es wieder mit Karacho und ungebändigtem Druck in unsere Ohren pustet.

Zwischen Bedrohung, Angst und Verzweiflung lässt hier dann doch ab und an die positive Energie die Funken fliegen.

Was hier, ungewöhnlich genug, ganz gitarrenfrei nur mit Keyboards, Bass und Schlagzeug für eine Kraft erzeugt wird, welch infernalisch anmutender Lärm erzeugt wird ist beachtlich.

Amanda Cheng, Peter Ruddell und Tom Leggett lernen sich an einer Jazz-Musikschule kennen. Und entdecken Gemeinsamkeiten. Und ihren Spaß am vereinten Ausleben musikalischer Ideen. 2016 mit ihrem gleichnamigen Debüt haben sie begonnen, mit

Clot

ist nun ein weiteres Zwischenziel erreicht und grandios in Szene gesetzt. Mehr Struktur in ihren Songs ergibt größeres Hörvergnügen. Zumindest wenn man als gewöhnlicher Musikalienliebhaber vom Gesamtklangbild ausgeht.

Mal dunkel und geheimnisvoll (Spanners & Implements), mal kriechend, schleichend, unnachgiebig (Forever Marred).
Und immer rohe Kraft.
Wut.
Energie.
Es muss einfach.
Es muss.
Es muss.
Es muss.
Es gibt keine andere Lösung.
Es gibt kein Zurück.
Es ist ein schöner Schmerz.
Kein Ende.
Ein leises Gebet. Es möge nie enden.

° ° °

100/100

WAX CHATTELSClot
Flying Nun/Captured Tracks, 25.9.2020


Glue
Effiancy
Cede
Mindfulness
No Ties
Less Is More
Spanners & Implements
An Eye
Forever Marred
Yokohama
You Were Right




in english:

Roaring.

You know these warnings, before videos or at the beginning of a film about strobe light effects and their possible effects on epileptics. Yes?
Well, if there was such a thing for music, such a warning would be advisable before starting this disc. And absolutely recommendable. Because the force and power and fire and energy that awaits us here is unnatural.
It is the absolute madness.

It is legitimate, let’s say acceptable, never anything of

WAX CHATELS

to have heard.

After reading this review, however, there is no excuse.
Beloved noise.
This power. This power.
This one gets you out of the corner, knocks you off your legs, accelerates your heartbeat.

The Fall, Suuns, Sleaford Mods – electro-punk that shakes you awake, hectic, invigorating, uncomfortable, barbed, energetic, intoxicating, unteachable, big.

This album, in its almost 38 minutes, brings everything to the point that is worth talking about and remarkable.

You sit on your motorcycle, accelerating, gas, accelerating, you claw yourself tight.
The winding road goes downhill. You take the gas away, but it still gets faster.
A feeling like before a bungee jump. Before a visit to the dentist. Before the first kiss. The first sex. Whatever.
When the tattoo artist’s needle is already rotating, but hasn’t touched your skin yet.
When the excitement becomes unbearable.
The pulling continues from the abdominal region down.
A tingling sensation.

The three of them from Auckland, New Zealand submit to us a direct, hardly to describe adventure that is unparalleled. One is almost overwhelmed by its directness, its rebellious demand for attention. It screams at you, you ride together. It rolls slowly, you relax. Just before it blows into our ears again with full speed and unrestrained pressure.

Between threat, fear and desperation, the positive energy lets the sparks fly every now and then.

What is produced here, unusually enough, completely guitar-free only with keyboards, bass and drums for a power, what infernal noise is produced, is remarkable.

Amanda Cheng, Peter Ruddell and Tom Leggett meet at a jazz music school. And discover common ground. And their fun in living out musical ideas together. In 2016 with their debut of the same name they have started to work with

Clot

another intermediate goal has now been reached and is magnificently staged. More structure in their songs results in greater listening pleasure. At least if you, as an ordinary music lover, start from the overall sound picture.

Sometimes dark and mysterious (Spanners & Implements), sometimes creeping, sneaking, unyielding (Forever Marred).
And always raw power.
Anger.
Energy.
It simply has to.
It has to.
It must.
It needs to.
There is no other solution.
There is no going back.
It is a beautiful pain.
No end.
A silent prayer. It may never end.

4 Kommentare zu „Rauschen: WAX CHATTELS – Clot (review)

  1. danke für den Tipp. Das Müsterchen, welches ich im Netz gehört habe, klingt super. Ich hör mich da mal etwas detaillierter rein. Und Flying Nun ist ja sowieso immer gut für tolle Platten.
    Grüsse aus Zürich
    Romano

  2. so, bereits durchgehört. Gefällt sehr! Und erinnert mich ein wenig an die Vivian Girls (nicht die Amis sondern die aus Melbourne). Ähnliche düster, ähnliches Vorgehen, aber nicht ganz so viel Drive. Danke nochmals für den Tipp. Tolle Mucke.

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