photo& allrights: JULIEN BAKER / Bandcamp





Unersättliche Menschen scheinen, zumindest oberflächlich betrachtet, durchaus eher unsympathisch als unbedeutend.
Kein Wunder.
Mehr, mehr, mehr, dazu ich, ich, ich, eine ausgeprägte Form von Egoismus.

Was in der Zeit der Adoleszenz sicher vorteilhaft und durchaus auch mitunter hilfreich sein kann, entpuppt sich spätestens bei der Wahl einer Partnerin/eines Partners als Hemmschuh.
Nun, dumm fickt gut, das sagt man, und wer nicht nachdenkt, hat es leichter im Leben, ja, ja, ja.
Dementsprechend schwer geht es zu im Leben von

JULIEN BAKER.

Was auf Sprained Ankle, dem Debütwerk von 2015 roh und ungeschliffen, voll trauriger Emotion, aufgeladen, wild, unkontrolliert war, ist auf ihrem
neuem Album angefüllt und angereichert mit begleitender Instrumentation.
Mehr Instrumente, mehr Hintergrund, mehr Untermalung, mehr Klangvariation.
Nicht, dass es das gebraucht hätte.
Nicht, dass die Stimme darunter leidet, nein, die ist immer noch voller Ausstrahlung und Kraft, es ist die Stimmung, die nicht mehr angesiedelt ist im kahlen, gefliesten Badezimmer, in dem man am Wannenrand sitzt und über Möglichkeiten und Auswege sinniert, nein, es ist eher die Luftschaummatratze mit Frotteebezug und Kopfhörer im Ohr. Man breitet sich aus, man macht es sich ein ganz klein wenig wohnlich.

Die Atmosphöre ist da, es klingt ähnlich dem, was wir seit ehedem an ihr lieben.
Ihr musikalisches Drumherum, das Ambiente ihrer Songs hat sich erweitert.
Man könnte meinen,

JULIEN BAKER

hätte die Existenz verschiedener Instrumente just kürzlich für sich entdeckt und ihre Songs dementsprechend gestaltet.
Ihre letzten Jahre waren gezeichnet von Krisen und der Aufarbeitung von allgemeinen Lebensfragen und oft schien ihr Weg durch die Nutzung verschiedenster Suchtmittel wenn nicht unmöglich so doch erschwert.
So ist dies mehr als eine Beschäftigung mit sich selbst,es könnte ein Weg heraus sein. Ein zukunftsträchtiger Weg.
Natürlich gibt es noch recht puristisch anmutende Songs (Crying Wolf beispielsweise), in denen eine lonesome guitar ihre Runden zihet und Bakers brüchig wirkende Stimme mit intimen Emotionen um sich wirft und sonst nicht viel geschieht.
Aber auch die Songs mit mehr Drumrum schaffen es, die Hoffnung, die sich Baker immer und immer wieder oft aus glaubensbetonenden Gedanken zu ziehen scheint, die aufkeimenden Zweifel an eben jener Zuflucht und möglicher Befreiung, zu präsentieren und sich schnell in unser Herz zu bohren.
So ist dies hier eine Erweiterung ihrer musikalischen Bandbreite, ohne das die Fähigkeit ihre Gefühle und Gedanken mithilfe dieser nahegehendeden Stimme darzubieten abhanden gekommen ist und uns Hörenden einen Schlag nach dem anderen zuzufügen um gleich daruf das Desinfektionsspray und das Kühlkissen zur Besänftgung geschundener Existenzen herüber zu reichen.



97/100

JULIEN BAKERLittle Oblivions


Hardline
Heatwave
Faith Healer
Relative Fiction
Crying Wolf
Ringside
Favor
Song In E
Repeat
Highlight Reel
Ziptie

// in english:

Hold tight

Insatiable people, at least superficially, certainly seem more unsympathetic than insignificant.
No wonder.
More, more, more, plus me, me, me, a pronounced form of egoism.
What can certainly be advantageous and sometimes helpful during adolescence, turns out to be a stumbling block at the latest when choosing a partner.
Well, stupid fucks well, that’s what they say, and those who don’t think have it easier in life, yes, yes, yes.
Accordingly, things are hard in the life of
JULIEN BAKER.
What was raw and unpolished, full of sad emotion, charged, wild, uncontrolled on Sprained Ankle, the debut work from 2015, is filled and enriched on her new album.
new album filled and enriched with accompanying instrumentation.
More instruments, more background, more underpinning, more variation in sound.
Not that it needed it.
Not that the voice suffers, no, it’s still full of charisma and power, it’s the mood that’s no longer set in the bare, tiled bathroom where you sit on the edge of the tub and ponder possibilities and ways out, no, it’s rather the air foam mattress with terry cloth cover and headphones in your ear. You spread out, you make yourself a little bit at home.
The atmosphere is there, it sounds similar to what we have loved about her since time immemorial.
Her musical trappings, the ambience of her songs has expanded.
One might think,
JULIEN BAKER
would have discovered the existence of different instruments just recently and would have shaped her songs accordingly.
Her last years were marked by crises and coming to terms with general life issues, and often her path seemed, if not impossible, then at least complicated by the use of various addictive substances.
So this is more than a preoccupation with herself, it could be a way out. A path with a promising future.
Of course there are still quite puristic songs (Crying Wolf for example), in which a lonesome guitar does its rounds and Baker’s brittle voice throws around intimate emotions and not much else happens.
But even the songs with more of a drum beat manage to present the hope that Baker seems to draw over and over again often from faith-emphasizing thoughts, the burgeoning doubts about that very refuge and possible liberation, and quickly bore their way into our hearts.
So this is an extension of her musical range, without losing the ability to present her feelings and thoughts with the help of this close voice and to inflict one blow after the other on us listeners to immediately hand over the disinfectant spray and the cooling pad to soothe battered existences.

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