Ein neues Album nach sechs Jahren.
Ein vorher, ein darin, ein jetzt.
Anders ist es. Anders ist die Welt.
Die Situation eines Jeden dürfte sich innerhalb der letzten sechs Jahre verändert haben.
Vielleicht die Weltanschauung. Die Einstellung vielleicht.
Oder/ und auch Beziehungen.

SHEARWATER

waren immer für die ein oder andere Überraschung gut.
Und auch hier verschaffen sie uns diese.
Unerwartete Momente.

Wenn es im ersten Song herausbricht, fühle ich mich spontan an A-ha’s Scoundrel Days erinnert.
Ein Gefühl wie vorher.

Gehört Rook doch (noch immer & immer mehr) zu meinen absoluten Lieblingssongs, mach es uns
The Great Awakening
nicht so einfach.
Es ist eher eine Erzählung mit verschiedenen Fortsetzungen.
Voluminös, pompös, um sich greifend, groß.
Kein Platz für kleine Gesten, wir lieben es ausufernd und großspurig.
Wenn auch mit einfachen Mitteln. Wenn auch mitunter in aller Stille.

Es sind keine kleinen Songs, die für sich allein stehen. Es ist ein Werk, ein Album.
Ein Ganzes, komplexes Miteinander, ein ineinander verwoben sein.

Betörend beschwörerische Drums, die einen ganzen Song für sich in Anspruch nehmen.
Mit Mellotron, Xylophon sowie diversen mit unklaren, seltsamen Instrumenten vermengen sie ihre Realität mit unserer Gegenwart.
Das funktioniert freilich nicht ohne Reibungspunkte.
Momente, in denen es scheint, das alles auseinanderläuft. Und gar nicht zusammen passt.
Wie bei den Legendary Pink Dots, bisweilen.
deren Songs getragen von Edward Ka’Spels Gesang, zieht hier Jonathan Meiburg alle Fäden zusammen und sagt, wo es lang geht. Der ist, war, bleibt die SHEARWATER-Person.

Warm und weich, mit sanftem Fingerpricking der akustischen Gitarre, dazu der ausufernd um sich greifende Gesang, der immer irgendwie kratzig und daneben klingt, wird hier eingefangen durch Violinen, Geigen, ein hintergründiges Piano.
Everyone You Touch ist ein Liebeslied für Versteckspieler. Schweigt der Sänger, überborden die Instrumente. Schleichen sich dann langsam auf ein Neues heran, steigern sich, inmitten der Zurückhaltung, die das leise Oboenspiel begleitet, annimmt, an die Hand nimmt, anleitet, die Richtung bestimmt.

Es ist ein oft meditatives Album, mit Mantra-ähnlichen Wiederholungen und Steigerungen, mit minimalen Songstrukturerweiterungen, die den Song und mit ihm auch den Hörer irgendwo schweben lassen, ein paar Zentimeter über dem Boden (Detritvore).

Aqaba mit seinem fetten Klavier, winkt uns zu sich, winkt uns herüber, wir laufen, ohne Gedanken und ohne Geschau, wir laufen.
Auch Möwen begleiten uns.
So hat Meiburg rund um die Welt Töne gesammelt. Töne, die er verarbeitet hat, um sie hier, einem zusätzlichen Instrument gleich, hineinzuweben ohne davonzugleiten, trotzdem aber seltsam abgehoben und entrissen unserer geistigen Festigkeit (hohe Priester verschwenden nur ihre Zeit).

There Goes The Sun
mit Tiergeschrei inmitten des Songs, ein Elefant, so scheint es, die Natur.

Eine Anleitung zur Entspannung, ein Monument des Klangs, eine Geschichte, eine Landschaft. Und so unterschiedlich die Songs sich ausnehmen, so zentral scheint dieses Werk auf eines abzuzielen: Unsere Ruhe in ihre zu finden und ihre Möglichkeiten, uns dorthin zu bringen, kennenzulernen, zu entdecken, darin zu versinken und darüber zu einem nahezu sinnlichen Kern vorzudringen.

Das ist Kunst in leiser Form, kaum lauter als unsere Umwelt, kaum trommeln die Drums lauter als die Vögelschreie, ein Rauschen aus Klang und Wind, ein Teil davon.
Diese Kunst strahlt in uns, dringt ein, verweilt und leitet unsere Gedanken inmitten ihres Universums.
Manches verlangsamt sich, manches scheint einfach anzuhalten, stehen zu bleiben, der Vogel im Flug, das Reh mitten in der Flucht –
und es wirkt weder künstlich noch gewollt – es passiert einfach.

Immer wieder sieht man bei Sportlern, dass sie sich vor einem wichtigen Event zurückziehen und mit Kopfhörer über den Ohren zu entspannen.
Dies hier könnte, eine gewisse Liebe zu Schrägpopelementen vorausgesetzt, eine grandiose Unterstützung darstellen.
Das hier ist für das Gefühl, für den Bauch und auch für’s Herz, das hier verbindet, das ist Zuneigung, das ist auch der Spiegel der alltäglichen Apokalypse des Lebens, das hier ist Aufarbeitung von Gegenwart und Trauer, das hier ist das Ding mit der Schönheit, dieser besonderen Schönheit, die nur

SHEARWATER

uns empfinden lassen können.

° ° °
92/100

SHEARWATER The Great Awakening
10.6.2022

Highgate
No Reason
Xenarthran
Laguna Seca
Everyone You Touch
Empty Orchestra
Milkweed
Detritvore
Aqaba
There Goes The Sun
Wind Is Love


// in english:

The thing with that beauty

A new album after six years.
A before, a then, a now.
It is different. The world is different.
Everyone’s situation might have changed within the last six years.
Maybe the world view. The attitude maybe.
Or/ and also relationships.

SHEARWATER

have always been good for one or the other surprise.
And also here they provide us with them.
Unexpected moments.

When it bursts out in the first song, I spontaneously feel reminded of A-ha’s Scoundrel Days.
A feeling like before.

If Rook still belongs (still & more and more) to my absolute favorite songs, make it us
The Great Awakening
does not make it so easy.
It is rather a narrative with various sequels.
Voluminous, pompous, rampant, big.
No room for small gestures, we love it sprawling and grandiose.
Even if with simple means. Even if sometimes in silence.

It is not small songs that stand alone. It is a work, an album.
A whole, complex togetherness, an interweaving.

Beguilingly evocative drums that take up an entire song for themselves.
With Mellotron, Xylophone as well as various with unclear, strange instruments they mix their reality with our present.
Of course, this does not work without friction points.
Moments in which it seems that everything runs apart. And doesn’t fit together at all.
As with the Legendary Pink Dots, at times.
whose songs are carried by Edward Ka’Spel’s vocals, here Jonathan Meiburg pulls all the strings together and says where it goes. He is, was, remains the SHEARWATER person.

Warm and mellow, with gentle finger picking of the acoustic guitar, plus the sprawling vocals that always sound kind of scratchy and off, is captured here by violins, violins, a background piano.
Everyone You Touch is a love song for hide-and-seekers. If the singer is silent, the instruments overflow. Then slowly creep up in a new way, increase, amid the restraint that accompanies the quiet oboe playing, assumes, takes by the hand, guides, determines the direction.

It’s an often meditative album, with mantra-like repetitions and increases, with minimal song structure extensions that leave the song, and with it the listener, floating somewhere, a few inches above the ground (Detritvore).

Aqaba with his fat piano, beckons us to him, beckons us over, we run, without thought and without looking, we run.
Seagulls also accompany us.
Thus Meiburg has collected sounds around the world. Sounds that he has processed in order to weave them in here, like an additional instrument, without slipping away, but nevertheless strangely detached and torn away from our spiritual solidity (high priests only waste their time).

There Goes The Sun
with animal cries in the middle of the song, an elephant, it seems, nature.

A guide to relaxation, a monument of sound, a story, a landscape. And as different as the songs turn out to be, this work seems to be centrally aimed at one thing: To find our rest in hers and her possibilities to bring us there, to get to know, to discover, to sink into it and to penetrate over it to an almost sensual core.

This is art in quiet form, hardly louder than our environment, hardly drumming louder than the cries of birds, a murmur of sound and wind, a part of it.
This art radiates into us, penetrates, lingers and guides our thoughts in the midst of its universe.
Some things slow down, some things just seem to stop, to stand still, the bird in flight, the deer in mid-flight –
and it seems neither artificial nor intentional – it just happens.

Time and again you see athletes retiring before an important event to relax with headphones over their ears.
This one, assuming a certain love of weird pop elements, could be a terrific support.
This one is for the feeling, for the gut and also for the heart, this one connects, this one is affection, this one is also the mirror of the everyday apocalypse of life, this one is coming to terms with the present and grief, this one is the thing with beauty, that special beauty is the only

SHEARWATER-Experience.
Make us feel.

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