(photo & allrights: JENS FRIEBE / Max Zerrahn)

° ° °

Nahezu wunderbare Textzeilen stammen aus seiner Feder.
In ihrer Einsamkeit und Unangreifbarkeit oft einzig.
Seinem Bleistift, Kugelschreiber, Tintenroller.
Seinen Gedanken entsprungen.

Seine neue Langspielplatte beginnt mit einem Titel, dessen Titel ich nicht verstehe. Ich weiß nämlich nicht, was ein Microdoser ist.
Ist mir auch nach dem Hören keinesfalls klarer.
Handclaps und halbwegs eingängige Melodie ist das, was blieb.

Und wir tanzen und beten uns an, wir machen
wir verzaubern unsere Sprüche, wir sind schön, und wenn sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnen, sieh uns an und du wirst sehen, wir sind schön.
Bissig, kritisch, selbstironisch, wiederstrebend, mit knackigen Texten und Songs, die sich auch auf Busreisen nicht schlecht machen.

Am Ende aller Feiern ist ein wundervolles Stückchen Musik mit einem Text, mit dem man sich gut und frei und irgendwie auch wieder jung fühlt, zurückversetzt in eine Zeit nach der Neuen Deutschen Welle mit der Jugend im Herzen, ein Aufziehteil, das sich immer schneller dreht, um sich selbst dreht und nicht aufhört, nicht aufhört. In Verbindung mit ungewohnt freiem (ach..) und unerwarteten Begleitinstrumenten strömen Foyer des Arts durch die Rillen.
In Momenten Phillip Boa-Erinnerung (Sing It To The Converted).
Quer und schräg.
Das ist gut, sehr, das macht Freude.
Mehr als viele deutschsprachige Alben vermögen.

Deine Mutter hatte Nachtschicht und ich durfte bei dir schlafen. Eine Jugend, eine Liebe, eine Freundschaft, ein Gefühl.

JENS FRIEBE

vermittelt in kurzen, prägnanten, eindrücklichen, bildhaften Lyrics eine Vergangenheit, an die man sich gern erinnert.
Eine Vergangenheit, die man gern so erlebt hat.
So erlebt hätte.
Stattdessen nur der Ruf der Mutter zum Mittagessen.
Bei einsilbigen Namen ein Problem. Langgezogen.
Hier jedoch ist irgendwie das Meiste von allem kurzweilig und unterhaltsam.

Ich bin der Wahn, ich bin der Wahn, ich bin der warme Sand in deinen Händen.
Ich rolle einen Stein. Wir beide sind allein. Ich habe ein Gefühl.

Das ist Spaß in oberer Klasse. Deutschtextgrenzerfahrung, wieder. Zwischen Schlagerromantik und Aufmüpfigkeit, zwischen Schlaf und Wunschtraum.
Manchmal braucht man nicht ausschliesslich vertonte Schrägdenkkonstrukte.
Kein Kampf, kein Krampf, einfach, einfach drauflos und fast einfach schön.

° ° °
88/100

JENS FRIEBE – Wir sind schön
Staatsakt, 30.9.2022

Microdozer
Wir sind schön

Ende aller Feiern
Die schrumpfende Stadt
First We Take Manhattan
Der Wahn
Was haben wir getan
Das Nichtmehrkönnen
Sing It To The Converted
Freitag
Nicht nach Haus

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