Ganz nah am Dunkel: NICOLE DOLLANGANGER – Married in Mount Airy (review)

(photo & allrights: NICOLE DOLLANGANGER / Bandcamp)

° ° °
Kind, wo warst Du?
Wo hast Du Dich herumgetrieben?
Wir haben Dich gesucht, wir waren in Sorge!
Du warst wie vom Erdboden verschwunden.
Wir suchen Dich, seit Stunden.
Warum hast Du Dich nicht gemeldet?

Married In Mount Airy
heißt das neue Album der ganz besonders besonderen

NICOLE DOLLANGANGER.

Nicht nur ihre Musik sticht aus dem Einheits-Veröffentlichtungsbrei hervor.
Es ist ihre Art, ihr Umgang mit No-Go-Thematiken, ihr open-minded Künstlertum, ihre musikalische Umsetzung und vor allem ihr herausragendstes Merkmal: Ihr Gesang.

So ist dies nicht einfach ein Herunterspielen von schrägen Ideen, wir finden hier Fantasien, Gedanken, Träumereien, spleenige Vorstellungen und spannende Songs, in deren Mittelpunkt schon recht deutlich kritische Texte und jener ganz besondere Gesang hervorstechen.

Dieses Kleinmädchenschema, dieses hohe, kieksige, wovon ich ja eh seit Jahren sehr angetan bin, das ist hier in Perfektion auf Platte gepresst.

Ihre Stimme, die nahe jedweder Verrücktheit Einkehr hält, die sich alles erlauben kann, die inmitten ihrer religiös-kritischen Texte, die alles und jeden auf’s Korn nehmen, dabei alle Art von Ungerechtigkeit in ein böse zischendes Fegefeuer werfen wollen. Wir haben hier ein schmerzvolles, leidvolles Werk dunkler Realität, das sich windet und suhlt in ungutem Drumherum.

Songs, denen man das Unzumutbare zumutet, deren kleine, fein ziselierte Melodien um uns herum schweben, kriechen, uns fesseln, festzurren und ein Davonlaufen unmöglich machen.
Eine hohe, dichte Ästhetik, die jeder Art Kitsch eine Absage erteilt, der eine intime Schönheit innewohnt und die eine in ihrer Süße doch klare und strukturierte Unschuld in wunderbare Arrangements verpackt.

Es ist so, als würden wir einem kleinen Elfchen zusehen, wie es seinen Tag verbringt.
Einmal zum Frühsport über das Wasser laufen, einen Fingerhut voll Tautropfen trinken, bis der Bauch gefüllt ist. Dann durch die Sonnenstrahlen fliegen, im Gegenlicht des aufsteigenden Lichts, einmal den Teddybär ganz doll drücken (könnte er sprechen, er würde sagen, bitte, nicht so doll, bitte, ich bekomme keine Luft, fast…) und ihm sagen, er soll gut auf sich aufpassen während des Tages, während ich fort bin, in dieser weit weit weit entfernten Unterkunft..
Nimm, nimm nur, trink, trink genug, trink es aus, es wird Dir helfen, Dir guttun, Du wirst es nicht bereuen.

Ein Zurück? Ein Zurück gibt es nicht.

Eine gleichbleibend düstere Einsamkeit, eine vertraut verzauberte Dunkelheit, tanzende Schatten und eine vordergründige Traurigkeit, eine gedankenbeladene, verlassen wirkende Landschaft einer einsamen Seele, die ihre Hoffnung nicht verliert, die aber verzweifelt winkend auf sich aufmerksam macht.

Dennoch, und das ist bemerkenswert in dieser nicht selten bedrückenden oder gar beängstigenden Stimmung, bleibt stets ein Schimmer der Zufriedenheit, der Nähe und der Liebe nah und greifbar, vielleicht hinter ein Wand aus Nebel verborgen, aber zu jeder Zeit als Zuflucht nah bei uns.

NICOLE DOLLANGANGER

die bekannt ist für ihre Goth-Pop-Sakralitäten mit engel-elfenhafter Jungmädchenstimme hat sich weiter entwickelt und vermag als Künstlerin durch ihre Ideen und perfekt arrangierten Songs auf sich aufmerksam zu machen, bleibt ernsthaft gerührt und erzählt auf ihrem neuen Album traurige Geschichten aus ihrem Leben.
Schon ein ums andere Mal wird man ergriffen vom Ton und Klang, Voice und Lyrics, von einer erlebbaren Traurigkeit und dem direkten Erleben dieser Schilderungen unruhiger Seelen.

Meist ruhige und leise schleichende Klangbilder, erfüllt von weicher Stimme und einer Not, einem Drang, einer erwünschten Rettung aus Dunkel und Geist erfülltem Alleinsein.
Ein kleiner Geist erzählt Dir von seinem Leben.
Oder, ist es gar Dein Leben? Ein anderer Moment, eine andere Zeit, das gleiche, innige Gefühl?
Der Einsamkeit, der Verbundenheit, ein Gleichnis zwischen Jetzt und Damals, der Gegenwart, der Vergangenheit?
Können Verbindungen zu fernen, fremden Wesen existieren?
Gibt es Gespräche, zwischen dem Leben und dem Tod?

Ein Album zum Weinen, zum Mitfühlen, zum Hineinsteigern und sich darin suhlen, ein Album, das Gefühle sammelt und genau hier und jetzt über Dir ausschüttet.

° ° °
94/100


NICOLE DOLLANGANGERMarried In Mount Airy

Married In Mount Airy
Gold Satin Dreamer
Dogwood
Runnin‘ Free
Bad Man
My Darling True
Moonlite
Sometime After Midnight
Nymphs Finding The Head Of Orpheus
Summit Song
Whispering Glades
I’ll Wait For You To Call

// in english:

Quite close to the dark

Child, where have you been?
Where have you been?
We were looking for you, we were worried!
You disappeared from the face of the earth.
We have been looking for you for hours.
Why didn’t you contact us?

Married In Mount Airy
is the name of the new album of the very special

NICOLE DOLLANGANGER.

It’s not just her music that stands out from the standard release crowd.
It’s her way of dealing with no-go topics, her open-minded artistry, her musical realization and above all her most outstanding feature: her singing.

So this is not just a downplaying of weird ideas, we find fantasies, thoughts, musings, quirky notions and exciting songs with lyrics and vocals already standing out quite clearly at the center.

This little-girl scheme, this high, squeaky one, which I’ve been very fond of for years anyway, is pressed onto record here in perfection.

Her voice, which is close to any kind of craziness, which can get away with anything, which in the midst of her religious-critical lyrics, which take everything and everyone in their stride, while wanting to throw all kinds of injustice into an evil hissing purgatory, we have here a painful, suffering work of dark reality, which writhes and wallows in unpleasantness.

Songs to which the unreasonable is expected, whose small, finely chiseled melodies float around us, crawl, tie us down, lash us and make it impossible to run away.
A high, dense aesthetic that rejects any kind of kitsch, that has an inherent intimate beauty and that wraps an innocence that is nevertheless clear in its sweetness and structured in wonderful arrangements.

It is as if we were watching a little elf spend its day.
Once running across the water for early morning exercise, drinking a thimbleful of dewdrops until its belly is filled. Then flying through the sun’s rays, backlit by the rising light, once squeezing the teddy bear very hard (could he speak, he would say, please, not so hard, please, I can’t breathe, almost…) and telling him to take good care of himself during the day, while I’m gone, in this far far away shelter….
Take, just take, drink, drink enough, drink it up, it will help you, do you good, you won’t regret it, a return? There is no going back.

A constant gloomy loneliness, a familiar enchanted darkness, dancing shadows and a superficial sadness, a thought-laden, abandoned landscape of a lonely soul that does not lose its hope and desperately beckons.

Nevertheless, and this is remarkable in this often oppressive or even frightening mood, a glimmer of contentment, closeness and love always remains close and tangible, perhaps hidden behind a wall of fog, but at all times close at hand as a refuge.

NICOLE DOLLANGANGER

who is known for her goth-pop sacralities with angel-elf-like young girl voice has developed further and is able to attract attention as an artist, remains seriously moved and tells sad stories from her life on her new album.
Time and again one is taken by the tone and sound, by voice and lyrics, by a tangible sadness and the direct experience of these descriptions of troubled souls.

Mostly calm and quietly creeping sound images, filled with soft voice and a need, an urge, a desired rescue from darkness and spirit-filled aloneness.
A small spirit tells you about his life.
Or, is it even your life? Another moment, another time, the same intimate feeling?
Of loneliness, of connectedness, a parable between now and then, the present, the past?
Can connections exist with distant, alien beings?
Are there conversations, between life and death?

An album to cry, to empathize, to dive in and wallow in, an album that collects feelings and pours them out on you right here and now.

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