Photo & allrights: LUCY KRUGER

„Ja?“
Fragend schaut sie zu mir herauf, all ihre Liebe, ihre Zuneigung, aber auch ihre Unsicherheit und ihre kindliche Unwissenheit im Blick. Ein hoffnungsvolles Ja, eines mit dem zögerlichen Gedanken im Hinterkopf, ich könnte ja ablehnen.

Was kann da noch kommen?

LUCY KRUGER

hat mit ihren Lost Boys und ihrem letzten Album (Sleeping Tapes For Some Girls – hier meine Rezension) Mauern eingerissen. Im Herzen.
Und verdientermaßen den Titel des Album des Jahres gewonnen.
Nun, schneller als gedacht, liegt der Nachfolger vor. Vor mir. In seltener, filigraner Leichtigkeit, viel sagen, Dinge berührend ohne sie anzusprechen.
Eine Ruhe, ein Pol inmitten von Unsicherheit, Leben (zurück) und Lautstärke.
Eine Intimität, ein Zwischenspiel, ungeahnt, nicht vorhergesehen.

Und wieder ist da diese Sehnsucht. Dieses Zerren. Dieses Suchen. Mit all den Gefühlen. Das Gefühl von Verlassen. Jemanden zurücklassen. Mit einem klaren Ziel vor Augen. Verbundenen Augen,geschlossenen Augen, langsam, im Dunkel behutsam tastend. Der Wind. Der Regen. Wieder.


„Ich bin müde“ sagt sie und sieht mich an. „Ich weiß“ antworte ich. Ich nehme sie an der Hand, ziehe ein wenig, zerre etwas um das Vorwärtskommen nicht zur Gänze zum Erliegen kommen zu lassen.
„Ich bin so müde“ sagt sie und setzt hinzu „Eigentlich bin ich ZU müde“.
Sie sollte nicht mir mir herumirren. Niemals würde ich zugeben, dass ich mich in diesem Album verlaufen habe.


The Ceiling.
An der Brüstung stehend, in dei Ferne sehend, die Wellen unter mir spürend und trotz der Ruhe um mich muss ich mir mit hektischer Bewegung ein ums andere Mal diese Spinnweben aus dem Gesicht wischen.


Es sind nicht Songs im herkömmlichen Sinn. Es sind Songs von

LUCY KRUGER.

Das ist, ja, gewiß, das ist ein Unterschied.

Es sind Erzählungen, es sind Vertonungen von Erleben, von Geschehen, von Abenteuern im Stillen, vom Schnurren einer Katze.
Von einem Windhauch, von Salz in der Suppe und den Gefühlen. Von denen, die das Leben ausmachen.
Wenn das Licht ausgeht. Wenn man allein ist. In der fremden Stadt.

Lucy zog (es) aus ihrer Heimat Südafrika ins deutsche, ins hauptstädtische Berlin.
Mit all seinen Unwägbarkeiten. Mit seiner Direktheit. Mit seinen Hintertürchen.
Vom Ankommen, von erster Zeit, vom Zurechtfinden handeln die Songs auf
Transit Tapes (For Women Who Move Furniture Around)



Ein Sehnen, ein Flehen. Ein sich Absichern.
A Ringing.
Das ist ein Auf und Ab, ein Abenteuer zum Schrippen kaufen am Sonntag Morgen in der Schivelbeiner.
Das ist dei Tram am Morgen, im Sonnenschein, die Nachtvögel noch unter uns, zu früh um schon verschlafen zu sein. Und zu allein.

A Window.
Das ist wie das erste Mal ein neues Parfüm auf der Haut. Ein tiefes Einatmen. Das ist die Luft des vergangenen Abends. Der Qualm der Zigaretten. Im Glas eine Fliege, die kraftlos aufgegeben hat, sich aus der Pfütze schalen Biers befreien zu wollen, mit getränkten Flügeln dem Untergang geweiht.

Fragilität und Alleinsein.
Warm II.
Ohne Einsamkeit, gewollt, die Ruhe genießend, die Stimmung in sich wirken zu lassen, wissend, vertrauend, auch sich selbst vertrauend und voll der Hoffnung auf Irgendetwas anderes.




„Ich freue mich“ sagt sie.
„Worauf?“ frage ich gleich hinterher.
„Ich weiß es nicht“ antwortet sie.
„Ich weiß“ sage ich und nehme sie in die Arme.

° ° °

99/100

LUCY KRUGER AND THE LOST BOYSTransit Tapes (For Women Who Move Furniture Around)
Unique Records, 4.6.2021


Braille
Evening Train
A Strangers Chest
A HouseThe Ceiling
Tired
A Paper Boat
A Cellar Door
Promised Land
A Ringing
A Window
Warm II



// in english:

Of longing and searching

„Yes?“
She looks up at me questioningly, all her love, her affection, but also her insecurity and childlike ignorance in her gaze. A hopeful yes, one with the hesitant thought in the back of my mind that I might refuse.

What else can come?

LUCY KRUGER

has torn down walls with her Lost Boys and her last album (Sleeping Tapes For Some Girls – here’s my review). In the heart.
And deservedly won the title of album of the year.
Now, sooner than expected, the follow-up is here. In front of me.
In rare, delicate lightness, saying a lot, touching things without addressing them.
A calm, a pole in the midst of uncertainty, life (back) and volume.
An intimacy, an interlude, unexpected, not foreseen.

And again – there is this longing. This tugging. This searching. With all the feelings.
The feeling of abandonment. Leaving someone behind. With a clear goal in mind.
Blindfolded, eyes closed, slowly, gently groping in the dark. The wind. The rain. Again.

„I’m tired“ she says, looking at me.
„I know“ I answer.
I take her by the hand, pulling a little, tugging a little to keep progress from coming to a complete halt.
„I am so tired“ she says and adds „Actually I am TOO tired“.
She shouldn’t be wandering around me. Never would I admit that I am lost in this album.


The Ceiling.
Standing on the parapet, looking into the distance, feeling the waves below me, and despite the silence around me, I have to wipe those cobwebs from my face with frantic movement one after another.
These are not songs in the conventional sense.
They are songs by
LUCY KRUGER.
That is, yes, certainly, there is a difference.
They are narratives, they are settings of experiences, of happenings, of adventures in silence, of the purring of a cat.

Of a breath of wind, of salt in the soup and the feelings. Of those that make up life.
When the light goes out. When one is alone. In the strange city.

Lucy moved from her home country South Africa to the German capital Berlin.
With all its imponderables. With its directness. With its back doors.

The songs on this album are about arriving, about the first time, about finding one’s way.
Transit Tapes (For Women Who Move Furniture Around)
A longing, a pleading. A securing.

A Ringing.
This is an up and down, an adventure to buy bread rolls on Sunday morning in the Schivelbeiner.
This is the streetcar in the morning, in the sunshine, the night birds still among us, too early to be already sleepy. And too alone.

A Window.
It’s like the first time a new perfume on the skin. A deep inhalation. It’s the air of the previous evening. The smoke of cigarettes. In the glass, a fly that has powerlessly given up trying to free itself from the puddle of stale beer, doomed with soaked wings.

Fragility and solitude.
Warm II.
Without loneliness, wanting, enjoying the silence, letting the mood take effect in itself, knowing, trusting, also trusting itself and full of hope for something else.

° ° °

„I’m feeling excited“ she says.
„So what for?“ I ask right after.
„I don’t know“ she replies.
„I know“ I say and take her in my arms.

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